
Im Interview: Sebastian Kruschwitz
Dekubitus ist eine der bekanntesten und zugleich am häufigsten unterschätzten Herausforderungen in der professionellen Pflege. Obwohl Prävention seit Jahren fester Bestandteil der pflegerischen Ausbildung ist, bleibt die Versorgung druckbedingter Gewebeschäden im Alltag hochkomplex – insbesondere dort, wo Pflege nicht im klinischen Setting, sondern unter realen, oft begrenzten Bedingungen stattfindet. Mit seinem Vortrag „Wenn Druck bleibt – Aktuelles zur Versorgung eines Dekubitus …“ ist Sebastian Kruschwitz, Fachbereichsleitung Wundmanagement im Zentrum für Beatmung und Intensivpflege GmbH, Teil des 2. Sächsischen Wundkongresses. Im begleitenden Interview sprechen wir mit ihm über die Realität der Dekubitusversorgung: über fachliche Verantwortung, pflegerische Haltung und darüber, wie gute Versorgung heute gelingen kann – trotz medizinischer Komplexität und struktureller Grenzen.
Was macht Dekubitus in der außerklinischen Intensivpflege besonders komplex?
Dekubitus ist in der außerklinischen Intensivpflege vor allem deshalb so herausfordernd, weil wir es fast immer mit hochgradig vulnerablen Patientinnen und Patienten zu tun haben. Viele sind dauerhaft immobil, beatmet, neurologisch stark eingeschränkt oder kachektisch. Allein diese Faktoren erhöhen das Risiko erheblich. Gleichzeitig findet Versorgung hier nicht im geschützten klinischen Raum statt, sondern im häuslichen Umfeld oder in Wohngemeinschaften. Räumliche Enge, begrenzte Hilfsmittel, wechselnde Pflegepersonen und unterschiedliche Qualifikationsniveaus wirken sich unmittelbar auf Prävention und Versorgung aus. Hinzu kommt ein permanenter Zielkonflikt im Pflegealltag: Beatmungssicherheit, Kreislaufstabilität und Gerätemanagement haben häufig Vorrang vor Umlagerung oder Mikrolagerung. Das ist kein Versagen der Pflege, sondern eine reale Abwägungssituation. Dekubitus entsteht in diesem Setting selten aus Unwissen – sondern aus strukturellen, zeitlichen und medizinischen Grenzen.
Wo liegen die größten Mythen und Missverständnisse rund um Dekubitus?
Einer der hartnäckigsten Mythen ist nach wie vor die Annahme, „Dekubitus sei immer ein Pflegefehler“. Das ist fachlich nicht haltbar. Dekubitus ist ein multifaktorielles Geschehen, bei dem Durchblutung, Gewebequalität, Ernährung, Medikation, Bewegung sowie Druck- und Scherkräfte zusammenwirken. Entscheidend ist daher nicht, ob ein Dekubitus entsteht, sondern ob Risiken erkannt, nachvollziehbar dokumentiert und fachlich begründete Maßnahmen umgesetzt wurden. Ein weiteres Missverständnis betrifft die Rolle von Hilfsmitteln. Die Vorstellung, mit der richtigen Matratze lasse sich ein Dekubitus vollständig verhindern, greift zu kurz. Matratzen können unterstützen, sie ersetzen jedoch weder Umlagerung noch klinisches Denken. Auch problematisch: „Eine Rötung ist noch kein Dekubitus“. Eine nicht wegdrückbare Rötung ist bereits ein Dekubitus Kategorie 1 und sollte immer als klares Warnsignal verstanden werden.
Welche Fragen und Unsicherheiten begegnen dir aktuell besonders häufig aus der Praxis?
Im Austausch mit Pflegekräften begegnet mir vor allem viel Unsicherheit – weniger fachliche Inkompetenz. Häufig geht es um die Abgrenzung unterschiedlicher Hautschäden: Ist es ein Druckschaden, ein Feuchtigkeitsschaden oder eine medizinproduktassoziierte Läsion? Auch die Einstufung bereitet Schwierigkeiten, etwa die Frage, ob es sich noch um eine oberflächliche Schädigung handelt oder bereits um einen tieferen Schaden. Sehr präsent ist zudem die Suche nach dem „richtigen“ Produkt. Dabei wird oft zu früh nach einer Auflage gefragt, obwohl zunächst die Ursache des Problems geklärt werden müsste. Hinzu kommt eine defensive Dokumentationspraxis. Aus Angst vor Schuldzuweisung wird häufig vorsichtig oder unklar dokumentiert, statt fachlich eindeutig. Besonders belastend für viele ist die Situation, wenn trotz konsequenter Prävention ein Dekubitus entsteht. Das führt zu Frustration und Selbstzweifeln, obwohl korrekt gehandelt wurde. Ich erlebe viele engagierte Pflegekräfte, die fachlich richtig arbeiten, sich aber zu wenig sicher fühlen, weil ihnen Rückmeldung, Bestätigung und fachlicher Austausch fehlen.
Dekubitus gilt als weitgehend vermeidbar – wo siehst du die entscheidenden Stellschrauben?
Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass Risikoeinschätzung nicht als einmaliger Akt verstanden wird, sondern als kontinuierlicher Prozess. Risiken verändern sich – manchmal schleichend, manchmal sehr plötzlich. Präventionsmaßnahmen müssen daher individuell angepasst werden, an Tagesform, Krankheitsverlauf und Umfeld. Starre Lagerungspläne greifen hier zu kurz. Eine zentrale Rolle spielt die konsequente Hautbeobachtung, insbesondere an atypischen Stellen wie dem Hinterkopf, den Ohren oder unter Schläuchen, Masken und Fixierungen. Gleichzeitig funktioniert Prävention nur im Team. Pflege, Ärzt:innen, Therapeut:innen und Angehörige müssen gemeinsam handeln. Und nicht zuletzt braucht es realistische Rahmenbedingungen. Prävention scheitert selten am fehlenden Engagement der Pflege, sondern häufig an Zeitdruck, Personalmangel und unzureichender Schulung.
Welche typischen Fehler siehst du in der Wundversorgung – und was hilft konkret?
In der Praxis sehe ich häufig, dass Wundauflagen entweder zu häufig oder zu selten gewechselt werden, Feuchtigkeit nicht gezielt gesteuert wird oder ein klares Wundziel fehlt. Produkte werden nicht selten eingesetzt, weil sie bekannt sind, nicht weil sie zur aktuellen Situation passen. Auch der Wundverlauf wird zu wenig systematisch bewertet. Was wirklich hilft, sind solide Grundlagenkenntnisse zur Wundheilung und zur Entstehung von Druck. Jede Maßnahme sollte hinterfragt werden: Warum genau dieses Vorgehen – und warum jetzt? Eine strukturierte Verlaufsbeobachtung und Dokumentation, idealerweise ergänzt durch Fotodokumentation, kann hier viel Sicherheit geben. Wichtig ist zudem die frühe Einbindung von Wundexpert:innen und eine offene Fehler- und Lernkultur, die nicht auf Schuldzuweisung basiert.
Dein persönliches Fazit?
Dekubitus ist für mich kein Zeichen schlechter Pflege, sondern ein Spiegel der Versorgungsrealität. Entscheidend ist nicht Perfektion, sondern eine klare fachliche Haltung: Risiken erkennen, Maßnahmen begründen, Entscheidungen transparent machen und Verantwortung gemeinsam tragen. Gute Wundversorgung beginnt nicht am Verband, sondern im Kopf, im Team und in den Strukturen.





