
Im Interview: Dr. med. Susanne Kanya
Dr. med. Susanne Kanya wird als Referentin beim 2. Sächsischen Wundkongress einen Vortrag zum Thema „Diabetisches Fußsyndrom
– Filzen leicht gemacht“ halten. Im Interview spricht sie über die Bedeutung des Filzens im Versorgungsalltag, typische
Fehler in der Praxis, mögliche Konsequenzen einer falschen Anwendung und darüber, warum sie sich seit vielen Jahren mit großer Leidenschaft dem Thema chronische Wunden widmet.
Warum ist das Thema Filzen Ihrer Meinung nach noch immer zu wenig präsent – obwohl es im Versorgungsalltag eine so große Relevanz hat?
Weil Filzen schlicht einen gewissen Aufwand bedeutet. Es ist natürlich einfacher, „nur schnell ein Pflaster aufzukleben“ und weiterzugehen, als sich wirklich Gedanken über eine gezielte Entlastung zu machen. Beim Filzen gibt es im Grunde zwei Wege: Entweder ich arbeite standardisiert – dann brauche ich vorher Schulungen und muss genau wissen, bei welcher Verletzung oder Wunde welche Versorgung sinnvoll ist. Das erfordert fundiertes Fachwissen. Oder ich arbeite eher intuitiv, dann muss ich sehr genau überlegen, wo ich den Filz platziere und wie viele Lagen notwendig sind, um eine Stelle wirklich zu entlasten. Filzen erfordert Kompetenz, Mitdenken und Erfahrung – und genau das macht es für viele anspruchsvoll.
Was sind typische Fehler, die beim Filzen im Praxisalltag häufig passieren?
Ein Fehler, den ich sehr häufig beobachtet habe, ist, dass der Filz als reine Wundabdeckung genutzt wird – also ohne ein Loch im Bereich der Wunde auszusparen. Das ist tatsächlich der häufigste Fehler. Ein weiterer Fehler ist, den Filz ungezielt auf einen Knochenvorsprung zu kleben. Beim Diabetischen Fußsyndrom ist es ja so, dass sich die Knochenstruktur verändert: Knochen senken sich ab, wandern nach unten und erzeugen dort Druck. Wenn ich dann den Filz direkt auf einen anderen Knochenvorsprung klebe, kann ich an dieser Stelle eine neue Läsion verursachen.
Welche weiteren Konsequenzen kann falsches Filzen haben?
Neben lokalen Problemen kann es auch zu Beschwerden in anderen Bereichen kommen. Wenn ich zum Beispiel einseitig filze, verändere ich die Fußstellung. Das wirkt sich auf das Sprunggelenk aus – und in der Folge auch auf das Kniegelenk. Wenn ein Patient ohnehin schon Vorschäden hat, etwa einen Meniskusschaden, kann sich dieser dadurch verschlechtern. Besonders problematisch ist, dass viele Patientinnen und Patienten mit diabetischer Neuropathie diese Fehlbelastungen gar nicht wahrnehmen. Schmerzen, die sonst ein Warnsignal wären, bleiben aus.
Welche drei zentralen Empfehlungen würden Sie Kolleginnen und Kollegen mitgeben, um Filzen sicher und fachgerecht umzusetzen?
Erstens: Man muss sich wirklich damit auseinandersetzen wollen. Filzen ist nichts für Menschen, die „einfach nur kleben und gehen“ möchten.
Zweitens: Es ist entscheidend, zu verstehen, was man tut. Deshalb braucht es deutlich mehr Schulungen. Ich selbst biete aktuell auch Kurse für Podologinnen und Podologen an, die für dieses Thema prädestiniert sind.
Drittens: Vernetzung ist wichtig. Pflegedienste, Podologie, Wundzentren – alle sollten enger zusammenarbeiten, um eine einheitliche und gemeinsame Linie in der Versorgung zu entwickeln.
Woher rührt Ihre persönliche Faszination für das Thema chronische Wunden?
Wunden haben mich tatsächlich schon immer begeistert. Bereits während meiner Ausbildung in der Krankenpflege habe ich erste Wundversorgungen übernommen und gezielt versucht, in die septische Chirurgie zu kommen. Was mich bis heute fasziniert, ist die Vielschichtigkeit: Ich hasse Routine und möchte nicht jeden Tag das Gleiche tun. Bei chronischen Wunden spielen so viele Ebenen eine Rolle – medizinische, dermatologische, psychische. Man arbeitet interdisziplinär, muss sich vernetzen und unterschiedliche Kompetenzen einbringen. Diese Vielfalt begeistert mich nach wie vor.
Und zum Abschluss: Gibt es aktuelle Branchenthemen, die Sie besonders beschäftigen – etwa die HKP-Richtlinien?
Gerade von den HKP-Richtlinien bin ich grundsätzlich ein großer Fan. Ich halte sie für gut durchdacht, sehe jedoch Herausforderungen in der praktischen Umsetzung. Dabei steckt in ihnen eine enorme Chance: Die Qualifikation von Fachkräften wird gestärkt und zugleich besser vergütet. Weiterbildung kostet Zeit und Geld – und das muss sich auch lohnen. Kritisch sehe ich allerdings die sehr unterschiedliche Umsetzung durch die Krankenkassen. In manchen Regionen funktioniert das gut, in anderen kaum. Diese Uneinheitlichkeit empfinde ich als schade, denn der Grundgedanke der Richtlinie ist aus meiner Sicht absolut richtig. Gerade von den HKP-Richtlinien bin ich grundsätzlich ein großer Fan. Ich halte sie für gut durchdacht, sehe jedoch Herausforderungen in der praktischen Umsetzung. Dabei steckt in ihnen eine enorme Chance: Die Qualifikation von Fachkräften wird gestärkt und zugleich besser vergütet. Weiterbildung kostet Zeit und Geld – und das muss sich auch lohnen. Kritisch sehe ich allerdings die sehr unterschiedliche Umsetzung durch die Krankenkassen. In manchen Regionen funktioniert das gut, in anderen kaum. Diese Uneinheitlichkeit empfinde ich als schade, denn der Grundgedanke der Richtlinie ist aus meiner Sicht absolut richtig.





