Im Interview: Dr. Alexander Maassen

Auf dem 2. Sächsischen Wundkongress spricht Dr. Alexander Maassen über das Thema Ernährung in der Wundversorgung. Im begleitenden Interview geht es um seinen wissenschaftlichen Blick als promovierter Biochemiker, um die Rolle der Ernährung im Versorgungsalltag – und darum, warum erfolgreiche Wundheilung nur gelingt, wenn der Mensch in seiner Gesamtheit betrachtet wird.

Dr. Alexander Maassen

Herr Maassen, Sie sind promovierter Biochemiker. Wie hat Ihr wissenschaftlicher Hintergrund Ihren Blick auf Ernährung und Wundheilung geprägt?

Ich komme tatsächlich von einem anderen Ende als viele klassische Ernährungswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler. Während sich Ökotrophologen häufig vom Lebensmittel her nähern, komme ich von den biochemischen Grundlagen. Als Biochemiker lernt man sehr schnell, in komplexen Netzwerken zu denken: Prozesse sind selten linear, sondern hochgradig vernetzt. Dieses Denken hilft auch in der Wundversorgung. Es geht eben nicht nur um „das Loch im Patienten“, sondern um den ganzen Menschen – mit seiner Physiologie, seiner Psyche und seinen Lebensumständen. All das lässt sich nicht voneinander trennen und sollte auch nicht getrennt betrachtet werden.

Wie sind Sie selbst dazu gekommen, sich so intensiv mit Ernährung in der Wundversorgung zu beschäftigen?

Man kann sicher darüber streiten, ob man das wirklich eine Spezialisierung nennen möchte. Aber es ist ein extrem wichtiges Thema. Ich habe über 20 Jahre an der Entwicklung und Zulassung moderner Wundauflagen gearbeitet. Heute gibt es am Markt hervorragende Produkte, die täglich einen enormen Beitrag für die Versorgung leisten. Gleichzeitig habe ich – auch bei mir selbst – beobachtet, dass der Fokus oft sehr stark auf der Wunde liegt. Dabei vergessen wir manchmal den Menschen dahinter: den Körper, die Psyche, das Umfeld. Am Ende können wir mit all unseren Maßnahmen immer nur unterstützen. Die eigentliche Heilungsarbeit leistet der Körper selbst.

Ich sage gern: Keine Wundauflage heilt eine Wunde. Das tut immer der Körper des Patienten. Und dafür braucht er die richtigen Baustoffe.

Würden Sie sagen, dass der Ernährung im Themenfeld chronischer Wunden nicht der Stellenwert eingeräumt wird, den sie eigentlich haben sollte?

Ich glaube, das liegt weniger am fehlenden Wissen als an den realen Versorgungsbedingungen. Der Pflegealltag ist enorm verdichtet, der Druck hoch, und unter solchen Umständen fällt es schwer, den Blick zu weiten. Das ist menschlich. Theoretisch wissen die meisten Pflegenden, wie wichtig Ernährung ist. Praktisch ist sie im Alltag oft nicht präsent. Dabei ist klar: Wenn die Voraussetzungen fehlen – also Energie, Eiweiß, Flüssigkeit – kann alles, was wir lokal an der Wunde tun, nur begrenzt wirksam sein.

Unterscheiden sich ernährungstherapeutische Empfehlungen je nach Art der chronischen Wunde?

Ja, durchaus. Wobei man oft schon mit einfachen Maßnahmen viel erreichen kann. Eine chronische Wunde bedeutet für den Körper Schwerstarbeit. Der Energiebedarf steigt deutlich, ebenso der Eiweißbedarf. Gerade bei großen, exsudierenden Wunden – etwa beim Ulcus cruris venosum – gehen erhebliche Mengen Protein verloren. Ein häufig unterschätzter Faktor ist außerdem die Flüssigkeitszufuhr. Der Mensch besteht zu rund 60 Prozent aus Wasser. Was über Exsudat verloren geht, muss ersetzt werden. Auch das wissen viele – aber es geht im Alltag schnell unter.

Gibt es den einen entscheidenden Nährstoff für die Wundheilung?

Das ist eine der häufigsten Fragen, die mir gestellt wird. Die ehrliche Antwort lautet: Es ist immer der Nährstoff entscheidend, der gerade fehlt.
Ich vergleiche das gern mit einem Gartenschlauch. Wenn er an einer Stelle abgeknickt ist, ist es egal, wie breit er an anderen Stellen ist – entscheidend ist die engste Stelle. Der Stoffwechsel kann vieles kompensieren, aber irgendwann stößt er an Grenzen. Dann wird ein Mangel zum limitierenden Faktor.

Wäre eine individuelle Ernährungsanalyse für jeden Patienten ideal?

Theoretisch ja. In der Praxis ist der Aufwand oft kaum leistbar. Deshalb ist es meist sinnvoller, auf eine möglichst ausgewogene, gesunde Ernährung zu achten. Das gilt übrigens nicht nur für Menschen mit chronischen Wunden, sondern für uns alle. Eine ausgewogene Ernährung reduziert zumindest die Wahrscheinlichkeit, dass relevante Mangelsituationen entstehen.

Ernährung ist auch ein sehr emotionales und soziales Thema. Welche Rolle spielt das in der Wundversorgung?

Eine sehr große. Essen ist nie nur Nährstoffzufuhr, sondern immer auch sozial geprägt. Lebensumstände, Alter, Geschmack, soziales Umfeld – all das spielt eine Rolle. Das Schöne an der Ernährung ist: Sie ist einer der wenigen Bereiche, in denen Patientinnen und Patienten selbst aktiv etwas beitragen können. Natürlich immer im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Aber genau darin liegt eine große Chance.

Was können die Teilnehmenden von Ihrem Vortrag auf dem 2. Sächsischen Wundkongress erwarten?

Mir geht es vor allem darum, das Bewusstsein zu schärfen. Wenn Ernährung im Alltag präsenter wird, ist schon viel erreicht. Ich werde Grundlagen erläutern, Beispiele zeigen, wie stark sich der Nährstoffbedarf unter bestimmten Bedingungen verändert, und auf die Herausforderungen im Pflegealltag eingehen. Patentlösungen kann ich leider nicht anbieten – dafür ist das Thema zu komplex. Eine Wunderpille gibt es nicht. Aber es gibt viele kleine Stellschrauben, die gemeinsam einen großen Unterschied machen können.

Im Interview: Dr. med. Susanne Kanya